Die Ilseder Hütte – Ein Jahrhundert Stahlgeschichte prägt das Peiner Land
Die ehemalige Ilseder Hütte steht als eindrucksvolles Zeugnis für die industrielle Entwicklung Niedersachsens und die deutsche Montangeschichte. Über anderthalb Jahrhunderte hinweg prägte dieses bedeutende Hüttenwerk die Region um Peine und entwickelte sich von einem bescheidenen Anfang zu einem der führenden Stahlproduzenten Deutschlands.
Die Anfänge: Vision trotz widriger Umstände
Die Gründungsgeschichte der Ilseder Hütte beginnt bereits 1853, als der Celler Bankier Carl Hostmann gemeinsam mit dem Fabrikanten Fritz Hurtzig die ersten Planungen für ein Hüttenwerk im heutigen Landkreis Peine vorantrieb. Die Unternehmer hatten von ergiebigen Eisenerzvorkommen bei Bülten, Lengede und im Salzgittergebiet erfahren und sahen darin eine vielversprechende Grundlage für die Eisenverhüttung. Die Hoffnung auf Kohlevorkommen erwies sich allerdings als trügerisch – es waren keine förderwürdigen Kohlelagerstätten vorhanden.
Dennoch hielten die Gründer an ihrem Vorhaben fest und etablierten zunächst die „Bergbau und Hüttengesellschaft zu Peine“. Das Projekt stand jedoch von Anfang an unter einem ungünstigen Stern: Die erste Weltwirtschaftskrise von 1858 zwang das Unternehmen bereits kurz nach Baubeginn in den Konkurs, und Carl Hostmann nahm sich im Januar 1858 aus Verzweiflung über die finanziellen Schwierigkeiten das Leben.
Aus der Konkursmasse entstand jedoch Neues: Am 6. September 1858 gründeten Fritz Hurtzig und Carl Haarmann, der Schwiegersohn von Carl Hostmann, die „Aktiengesellschaft Ilseder Hütte“. Diese Gründung markiert den eigentlichen Beginn einer beeindruckenden Industriegeschichte, die die Region für über 135 Jahre prägen sollte.
Aufschwung unter Gerhard Lucas Meyer
Der entscheidende Wendepunkt für die Ilseder Hütte kam mit Gerhard Lucas Meyer, der 1863 in den Verwaltungsrat eintrat und ab 1868 als Generaldirektor die Geschicke des Unternehmens lenkte. Meyer, geboren 1830 in den Niederlanden, gilt bis heute als „Vater der Ilseder Hütte“ und als Schlüsselfigur für deren Erfolgsgeschichte.
Meyer verfolgte eine visionäre Strategie: Anstatt in wirtschaftlichen Krisenzeiten die Produktion zu drosseln, setzte er konsequent auf Produktionssteigerung und technische Modernisierung. Bereits 1860 ging der erste Hochofen in Betrieb, 1861 folgte der zweite, und schon 1879 nahm der dritte Hochofen seine Arbeit auf. Obwohl die Erze der Region aufgrund ihres geringen Eisenanteils und hohen Phosphorgehalts als schwer verwertbar galten, gelang es Meyer, durch kontinuierliche Optimierung der Verfahren die Produktion wirtschaftlich zu gestalten.
Ein wesentliches Hindernis stellte zunächst die fehlende Verkehrsanbindung dar. Die nächste Bahnstation lag im mehrere Kilometer entfernten Peine an der 1844 eröffneten Eisenbahnlinie zwischen Hannover und Braunschweig. Um dieses Transportproblem zu lösen, wurde 1865 die Peine-Ilseder Eisenbahn als Pferdebahn in Betrieb genommen, die ab 1873 auf Lokomotivbetrieb umgestellt wurde. Ein technisches Meisterwerk entstand 1911 mit der Hochbahn – einer 511 Meter langen Stahlhochbrücke, über die flüssiges Roheisen direkt vom Hüttenwerk in Ilsede zum Walzwerk in Peine transportiert werden konnte. Diese spektakuläre Konstruktion wurde zu einem unverwechselbaren Wahrzeichen der Region.
Ausbau zum Montankonzern
Unter Meyers Führung entwickelte sich die Ilseder Hütte von einem reinen Roheisenproduzenten zu einem vollintegrierten Montankonzern. Ein bedeutender Schritt war die Erweiterung um das Peiner Walzwerk im Jahr 1872, das Meyer maßgeblich mitbegründete. Bereits 1880 übernahm die Ilseder Hütte die Aktiengesellschaft Peiner Walzwerk vollständig und sicherte sich damit die Weiterverarbeitung des eigenen Roheisens.
Die technologische Entwicklung schritt kontinuierlich voran: 1882 ging ein modernes Thomas-Stahlwerk in Betrieb, 1900 folgte ein Siemens-Martin-Ofen. Diese technischen Innovationen ermöglichten es dem Unternehmen, hochwertige Stahlprodukte herzustellen. Der Durchbruch auf internationaler Ebene gelang 1914 mit der Entwicklung des „Peiner Trägers“ – eines patentierten Breitflanschträgers mit parallelen Flanschen. Dieses revolutionäre Bauprodukt nach den Patenten von Dr. Puppe machte das Peiner Walzwerk weltbekannt und zum Synonym für Profilerzeugnisse in höchster Qualität.
Um die Rohstoffversorgung zu sichern, baute die Ilseder Hütte systematisch ihre Erzförderung aus. Die Eisenerzgruben in Bülten-Adenstedt, Lengede-Broistedt und im Salzgitterraum gehörten zum Unternehmen und lieferten das notwendige Erz für die Hochöfen. Die Kohleversorgung erfolgte zunächst aus dem Ruhrgebiet, doch 1921 erwarb die Ilseder Hütte die Zeche Friedrich der Große in Herne, um die Kokskohleversorgung langfristig zu sichern.
Ein Meilenstein für die Logistik war die Fertigstellung des Mittellandkanals und die Anbindung der Stadt Peine im Jahr 1929. Mit dem Bau der Peiner Hafenanlage konnten nun Kohle und andere Rohstoffe kostengünstig per Schiff transportiert werden, was die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens erheblich steigerte.
Soziale Verantwortung und Werkswohnungsbau
Die Ilseder Hütte war nicht nur ein technologischer Vorreiter, sondern auch ein Pionier in sozialen Fragen. Um die wachsende Zahl von Arbeitskräften anzuwerben und dauerhaft an das Unternehmen zu binden, entwickelte die Ilseder Hütte ein umfassendes System sozialer Einrichtungen. Der Werkswohnungsbau galt überregional als vorbildlich. Bereits ab 1875 entstand die Werkssiedlung Neuölsburg, die sogar den Status einer selbstständigen Gemeinde erhielt.
Zu den sozialen Leistungen gehörten unter anderem Wohnungen für Arbeiter und Angestellte, ein Haus für ledige Arbeiter, Kantinen, Bäder, Waschanstalten und Konsumläden. Das 1902 errichtete imposante „Hüttencasino“ im Zentrum von Groß Ilsede diente als repräsentativer Treffpunkt. Diese vorbildlichen Sozialleistungen waren für die damalige Zeit außergewöhnlich und trugen wesentlich zur Identifikation der Belegschaft mit dem Unternehmen bei.
Nationalsozialismus, Krieg und Wiederaufbau
Die Zeit des Nationalsozialismus brachte einschneidende Veränderungen für die Ilseder Hütte. Mit der Gründung der Reichswerke Hermann Göring im Jahr 1937 musste das Unternehmen seine wertvollen Erzkonzessionen im Salzgittergebiet zwangsweise gegen Anteile an die neue Staatsgesellschaft abgeben. Damit stand die Ilseder Hütte plötzlich im ungleichen Wettbewerb mit einem vom Staat massiv geförderten Konkurrenten.
Die folgenden Jahre waren von Rüstungs- und Kriegswirtschaft geprägt. Um die Produktion trotz des Mangels an deutschen Arbeitskräften aufrechtzuerhalten, setzte die Ilseder Hütte ab 1941 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter ein – eine dunkle Seite der Unternehmensgeschichte. Für italienische Militärinternierte wurde ein Barackenlager am Emilieschacht errichtet, Ostarbeiter waren in anderen Lagern untergebracht.
Das Hüttenwerk überstand den Zweiten Weltkrieg nahezu unversehrt – die Produktionsanlagen hatten vergleichsweise geringe Kriegsschäden erlitten. Dies war ein Glücksfall für die Region, denn ab Ende 1945 erlaubte die Militärregierung die schrittweise Wiederaufnahme der Produktion. Auf eine zwischenzeitlich geplante Demontage der Anlagen verzichtete die Alliierte Hohe Kommission, und 1951/52 wurde das Unternehmen aus der alliierten Kontrolle entlassen. Die Ilseder Hütte erhielt einen großen Teil ihrer zwangsweise abgegebenen Erzkonzessionen zurück und konnte in den Wirtschaftswunderjahren erneut expandieren.
Fusion und das Ende einer Ära
Die wirtschaftlichen Krisen der 1970er Jahre trafen auch die Ilseder Hütte schwer. Als Antwort auf die schwierige Situation erfolgte 1970 ein historischer Schritt: Die Ilseder Hütte fusionierte mit dem Hüttenwerk Salzgitter, das sich im Staatsbesitz der Bundesrepublik Deutschland befand. Durch eine komplexe Kapitalerhöhung entstand die „Stahlwerke Peine-Salzgitter AG“, wobei die staatliche Salzgitter AG die Aktienmehrheit übernahm. Der Unternehmenssitz wurde bereits 1932 von Ilsede nach Peine verlegt.
Für den Gründungsstandort Ilsede bedeutete diese Entwicklung einen schleichenden Bedeutungsverlust. Die Modernisierung und der Ausbau konzentrierten sich auf die Standorte Salzgitter und Peine. 1978 wurde der Erzabbau eingestellt, 1983 folgte die Stilllegung des Hochofenbetriebs. Damit endete nach 122 Jahren die Roheisenerzeugung in Ilsede. Die verbliebenen Betriebsteile – Kokerei, Kraftwerk und Nebengewinnung – wurden 1995 endgültig stillgelegt. Eine Ära ging zu Ende, die über ein Jahrhundert lang das wirtschaftliche und soziale Leben der gesamten Region geprägt hatte.
Industrielles Erbe und Neuanfang
Nach der Stilllegung stand die Region vor der Herausforderung, das 40 Hektar große Hüttengelände neu zu nutzen. Unter der Federführung des Planungsverbandes Gewerbepark Ilseder Hütte wurde eine umfassende Sanierung von „Niedersachsens größter Industriebrache“ durchgeführt. Das Gelände wurde stark zurückgebaut, doch einige bedeutende Industriedenkmäler blieben erhalten.
Heute präsentiert sich das Areal als „Gigapark Plus“ – ein moderner Gewerbepark für kleine und mittelständische Unternehmen. Auf dem Gelände sind mittlerweile 36 Unternehmen und Institutionen angesiedelt, die über 240 Menschen beschäftigen. Der Gigapark verfügt über eine Gesamtfläche von 42,2 Hektar, davon sind 17 Hektar als Gewerbeflächen ausgewiesen.
Als weithin sichtbares Wahrzeichen ragt der unter Denkmalschutz stehende Kugelwasserturm empor. Der 1920/21 errichtete, fast 30 Meter hohe Turm mit seinem charakteristischen Klönne-Behälter fasste einst 1.200 Kubikmeter Kühlwasser und diente als Druckausgleichsbehälter für den Hochofenbetrieb. In der Technikgeschichte stellt er einen Höhepunkt in der Entwicklung genieteter Stahlblechbehälter dar.
Ebenfalls erhalten blieb die eindrucksvolle Gebläsehalle aus dem Jahr 1909, die heute als Veranstaltungshalle und kultureller Mittelpunkt dient. In der ehemaligen Umformerstation, dem „Herz vieler Prozesse“, hat der gemeinnützige Förderverein „Haus der Geschichte – Ilseder Hütte e.V.“ eine Ausstellung zur Unternehmensgeschichte eingerichtet. Der 2001 von ehemaligen Mitarbeitern gegründete Verein bietet Führungen entlang des Industriepfades an und bewahrt die Erinnerung an die glanzvolle Historie.
Bedeutung für die Region
Die Ilseder Hütte war weit mehr als nur ein Industriebetrieb – sie war über 135 Jahre lang der prägende Wirtschaftsfaktor für Stadt und Landkreis Peine. Zeitweise arbeiteten bis zu 5.000 Menschen auf dem Gelände. Das Unternehmen zog zahlreiche weitere Industriebetriebe nach sich und verwandelte die ländlich geprägte Region in ein bedeutendes Zentrum der deutschen Stahlindustrie.
Die Geschichte der Ilseder Hütte ist exemplarisch für die Entwicklung der gesamten deutschen Montanindustrie. Sie zeigt den Aufstieg vom kleinen Hochofenwerk zum vollintegrierten Konzern, aber auch die Herausforderungen durch Krisen und strukturellen Wandel. Die architektonischen und technischen Relikte auf dem ehemaligen Hüttengelände sind heute wichtige Zeugnisse der Industriekultur und erinnern an eine Zeit, in der „Stahl = Peine = Stahl“ galt.
Das Vermächtnis der Ilseder Hütte lebt nicht nur in den erhaltenen Industriedenkmälern fort, sondern auch in der DNA der Region, die durch anderthalb Jahrhunderte Stahlgeschichte nachhaltig geprägt wurde. Der erfolgreiche Wandel vom Industriestandort zum modernen Gewerbepark zeigt, dass auch nach dem Ende einer Epoche Raum für Neues entstehen kann – ohne die historischen Wurzeln zu vergessen.

