Pietätlos

Zu jenem Zeitpunkt war alles vorherige schon sehr lange her. Meine Eltern waren verstorben und ich zog, der Liebe wegen, sehr weit weg. Weit entfernt von meinem geliebten Elternhaus, aus meinem verspielten kleinem Örtchen, dass ich so sehr mochte.

Zu Zwecken der Grabpflege, die mir immer sehr am Herzen lag, fuhr ich an jenem besagten Samstag morgen mit meinem Sohn zum Grab der Eltern in den Heimatort. Weiter entfernt von der Grabstätte steht die Friedhofskapelle, an dem sich an diesem Tag viele Menschen zu einer Beerdigung zusammenfanden. Ich nahm nur am Rande des Geschehens Notiz davon und konnte augenscheinlich niemanden erkennen. Als ich dann fertig war, fuhren wir wieder weiter in Richtung neue Heimat. Und dann fiel mir aber ein, dass ich noch etwas fotografieren wollte. Eine Grabstätte direkt in der Nähe derer meiner Eltern gelegen, ich hatte es bisher jedes Mal vergessen und mich immer darüber geärgert, also fuhren wir wieder zurück zum Friedhof, wollte ich doch bei diesem schönen Wetter unbedingt die Grabstelle ins rechte Bild rücken.

Ich kam immer näher, mein Sohn war im Auto geblieben und da sah ich es, direkt neben dem Grab meiner Eltern wurde jetzt der/die Verstorbene der Beerdigung beigesetzt. Der Pfarrer sprach und ich hatte nichts besseres zu tun, als nebenan mit meiner doch sehr lauten Kamera zu fotografieren. Ich merkte auf mir die Blicke der Trauergäste und schaute nicht in deren Richtung. Das war auch gut so, wie es sich im Nachhinein herausstellte. 6-8 Fotos gemacht und dann ging es wieder weiter. Ich hatte dann im Nachhinein sehr oft über die Situation nachgedacht. Warum musste ich denn ausgerechnet dann die Bilder fotografieren? Ich hatte es doch schon so oft vergessen und da wäre es auf das eine mal nun auch nicht mehr angekommen? Von meiner Seite aus fand ich das schon sehr geschmacklos, ja pietätlos trifft das ganze dann schon besser, selbst wenn ich den/die Verstorbenen nicht kannte.

Pietätlos
Alter Friedhof

Aber es sollte noch schlimmer kommen als ich es eigentlich vermutete. Ca. 3 Monate später fuhr ich wieder zum Grab der Eltern und was sahen da meine Augen. Direkt neben dem Grab meiner Eltern wurde an jenem Tag mein ehemaliger Klassenkamerad und guter Freund aus Kindheitstagen beerdigt. Ich wollte selbst sofort tot umfallen, es gelang mir nur nicht. Das hieß also, nicht nur schlimm und so traurig das Roger K. schon in recht jungen Jahren verstorben war, sondern auch, dass an jenem Tag der Beerdigung, die mir bekannten Eltern und meine ganzen Klassenkameraden (die sicherlich “alle” vor Ort waren) auf mein Fehlverhalten aufmerksam geworden waren. Wie traurig. Alle wussten es, nur ich war einfach nicht informiert und ich würde mich am liebsten entschuldigen dafür, dass ich mit meinen Fotos nur an meinen Vorteil gedacht habe. Ich wollte haben um jeden Preis, dass habe ich nun davon. Am liebsten würde ich mich vorrangig bei den Eltern entschuldigen und dann bei meinen Klassenkameraden, aber wie werden diese Menschen reagieren? Kann man für so etwas Verständnis zeigen? Ich glaube ich würde als Betroffener auch eher negativ reagieren. Verständlich.

Ich hatte dann im Internet recherchiert, was denn passiert war. Ein tragischer Badeunfall im Urlaub führte zum Tod, echt traurig. Und wie schon beschrieben, alle wußten es, nur ich war so unwissend und dumm.

Ich werde jetzt zum Frühjahr wieder das Grab meiner Eltern besuchen und glaube mir Roger K., für Dich bringe ich einen großen Blumenstrauß mit und werde dabei an die alten Zeiten denken. An jene Zeiten in denen wir zusammen Streiche ausgeheckt haben und regelmäßig den verbotenen Süßigkeitenschrank Deiner Eltern geplündert haben.

Warum ist ein Leben nur so kurz????? 

Und die Moral: Ein Foto um jeden Preis, nie mehr wieder….!

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